Stele 1:
Ledigenheim/Geschäftsstelle

Porträtfoto Barbara von Neumann-Cosel

AUDIOGESCHICHTEN

Wagner, Traut und Migge – die Köpfe hinter dem Lindenhof
Die Geschichte des Ledi­gen­heims

mit Barbara von Neumann-Cosel

Liebe Zuhörer und Zuhö­re­rinnen, will­kommen bei Geschichte und Geschichten aus dem Lindenhof, einem Projekt der GeWoSüd und des Genos­sen­schafts­fo­rums, in dem es darum geht, die Menschen aus dem Lindenhof zu Wort kommen zu lassen und zu hören, was für sie den Lindenhof ausmacht.

Ich bin Sebas­tian Meling vom Genos­sen­schafts­forum hier gleich neben dem Bäcker in der Eyth­straße 32, unweit dieser ersten Stele des Rund­gangs.

Für diese Folge sprach ich mit Barbara Neumann-Cosel, einer Mitbe­grün­derin des Genos­sen­schafts­forum in den 90er-Jahren vor mitt­ler­weile 30 Jahren. Sie war auch mit dabei, als wir 2021 hier in den Werk­raum zogen und ein neues Zuhause im Lindenhof gefunden haben. Unsere Dauer­aus­stel­lung im Werk­raum zur Geschichte der Wohnungs­ge­nos­sen­schaften in Berlin ist im Grunde ihr Vermächtnis, denn sie ist so etwas wie unser wandelndes Genos­sen­schafts­le­xikon. Deshalb wollte ich auch unbe­dingt mit ihr über die Geschichte des Linden­hofs spre­chen – von seinen Anfängen in der noch jungen Weimarer Repu­blik, über die dann folgenden dunklen Jahre während des Nazi­re­gimes und den Wieder­aufbau nach dem Zweiten Welt­krieg.

Ganz beson­ders aber wollte ich mehr über die Köpfe wissen, die hinter dem Bau des Linden­hofs standen, also Martin Wagner, Bruno Taut und Lebe­recht Migge. Die sind ja auch verbunden mit vielen genos­sen­schaft­li­chen Bauten und Projekten, nicht nur in Berlin. Alle drei fingen aber als junge Visio­näre damals draußen vor den Toren der Welt­stadt Berlin an und legten hier mit dem Lindenhof sozu­sagen ihr Gesel­len­stück ab, bevor sie danach mit ihren Ideen und ihrem Elan Berlin prägten und hier auch für die Stadt­ent­wick­lung, Archi­tektur und den Wohnungsbau weitere wich­tige Meilen­steine schufen.

Als erstes wollte ich also von Barbara wissen, wie alles anfing, damals, 1919 mit Martin Wagner auf einem Feld vor der Stadt, oder Jot-Wee-Dee, wie der Berliner sagen würde.

Barbara Neumann-Cosel: Martin Wagner war ja ganz frisch Stadt­baurat von Schö­ne­berg geworden, also damals noch eine eigen­stän­dige Stadt vor den Toren der Stadt Berlin. Und seine Aufgabe war es, für den Wohnungsbau in Schö­ne­berg zu sorgen. Und das hat er mit sehr viel Verve getan. Er war ja sehr jung damals. Er war 33 Jahre alt und kam mit sehr viel Ideen zu besserem Wohnen, zu besserem Städ­tebau und Archi­tektur.

Man wollte weg von der Miets­ka­sernen-Stadt, man wollte mehr Grün zum Wohnen haben, man wollte bessere Wohn­be­din­gungen haben und insbe­son­dere wollte man das Wohnen auch güns­tiger machen. Und der Zusam­men­bruch des Kaiser­reichs mit der Abdan­kung 1918 war eine Zäsur. Und es bot halt für die jungen Wohnungs­re­former, die ja schon vor dem Ersten Welt­krieg für Alter­na­tiven zur Miets­ka­sernen-Stadt gekämpft hatten, die Chance sie jetzt auch erst­mals umzu­setzen.

Martin Wagner hat das sozu­sagen gemacht, indem er sich über alles hinweg­ge­setzt hat. Also, es gibt ein sehr schönes Zitat von ihm, wie er schreibt, wie er sich über alle Bauvor­schriften hinweg­setzt. Er sagte: „Ich musste mir auch sagen, dass ich unmög­lich auf die Geneh­mi­gung meines Bebau­ungs­plans seitens der vorge­setzten Behörde warten konnte. Ebenso unmög­lich schien es mir, die damals noch staat­liche Baupo­lizei von der Zweck­mä­ßig­keit meiner Pläne zu über­zeugen. Zum Schre­cken der höheren Instanzen baute ich ohne Bebau­ungs­plan und ohne Baupo­lizei. Der Sied­lung hat es nicht geschadet.“ Also dieses Zitat sagt viel über Martin Wagner, über seine Persön­lich­keit aus, dass er einfach auch über vieles hinweg ging und auch einfach ange­fangen hat, ohne Bauge­neh­mi­gung zu bauen und gesagt hat: „Werft mich doch ins Gefängnis, ich baue jetzt einfach mal, ich schaffe jetzt einfach mal Fakten.“

Erzähler: Fakten hat er aber nicht nur durch die Bebauung des Linden­hofs ohne Geneh­mi­gung geschaffen. Er hat auch die Bauwirt­schaft in Deutsch­land umge­krem­pelt, Indus­tria­li­sie­rung und Massen­pro­duk­tion voran­ge­trieben.

Barbara Neumann-Cosel: Wagner hat ja nicht umsonst so eine relativ große Sied­lung gewählt, denn seine Idee war ja auch nicht nur, ein neues Städ­tebau- und Archi­tek­tur­kon­zept zu haben, sondern auch billiger zu bauen und den Arbeiter-wohnungsbau oder den kleinen Wohnungsbau erschwing­lich zu machen. Und ein Ansatz dafür war, Typen­pro­duk­tion zu machen. Der ganze Lindenhof besteht ja aus zwei Bautypen nur in der ursprüng­li­chen Form und die hat er versucht mit einer in einer Groß­bau­stelle umzu­setzen, um so billiger zu bauen.

Das war der eine Ansatz und der zweite Ansatz: Er wollte weg von der privaten Baupro­duk­tion. Das war einer­seits auch eine Notwen­dig­keit, denn die private Bauwirt­schaft und auch die Wohnungs­wirt­schaft war durch die Krise nach dem Ersten Welt­krieg zusam­men­ge­bro­chen und es hatten sich die soge­nannten bauso­zialen Baube­triebe gegründet. Das waren Genos­sen­schaften von Arbeits­losen und zurück­ge­kehrten Soldaten, die sich mit einem Spaten in der Hand einfach zusam­men­schlossen und ein Bauun­ter­nehmen grün­deten. Und Martin Wagner hat diese kleinen sozialen Baube­triebe, diese kleinen Bauge­nos­sen­schaften, zusam­men­ge­fasst. Und das war seine Idee, dass er mit diesen selbst­be­stimmten genos­sen­schaft­li­chen Bauun­ter­nehmen billiger produ­zieren kann. Er hat sie dann in soge­nannte Bauhütten umge­wan­delt, hat geworben, bei den Bauge­werk­schaften Kapital darein zu stecken. Und mit der Bauhüt­ten­be­we­gung hat er versucht, die Ratio­na­li­sie­rung der Baupro­duk­tion voran­zu­treiben. Und für Martin Wagner und viele andere Sozi­al­de­mo­kraten war in den 20er-Jahren das ein Ansatz­punkt, die Produk­tion zu verbil­ligen, und zwar nicht auf dem Rücken der Arbeiter, sondern für die Arbeiter, um ihnen Zugang zu diesen Produkten und hier in diesem Fall eben zu güns­tigen Wohnungen zu verschaffen.

Das muss man auch mal sich einfach mal klar machen. Die haben inner­halb von zwei Jahren hier eine Sied­lung mit 500 Wohnungen gebaut. Also auf die Bauge­nehmi-gungs­phase haben sie ja verzichtet. Aber auch von der Bauphase her war das natür­lich mit einer unglaub­li­chen Geschwin­dig­keit und das vor dem Hinter­grund einer wirt­schaft­li­chen Situa­tion, die total desolat war. Also das war schon eine enorme Leis­tung, die die hier hinge­legt haben – was aber insge­samt man sagen muss für den Wohnungsbau der 20er-Jahre. Was in diesen relativ wenigen und wirt­schaft­lich sehr belas­teten Jahren an Wohnungsbau in Berlin geschaffen worden ist, ist einfach enorm und in dieser Form kaum je wieder erreicht worden, weder in der Quan­tität, noch auch in der Qualität.

Erzähler: Und inno­vativ waren die Wohnungs­bauer der 20er-Jahre auch. Zum Beispiel, wenn es darum ging, neue Wohn­formen auszu­pro­bieren, so wie ein Ledi­gen­heim. Dieses hat Bruno Taut sozu­sagen als Eingangstor für den Lindenhof entworfen.

Sebas­tian Mehling: Das Ledi­gen­heim, das Bruno Taut ja hier zuge­fügt hat. Zu diesem Gesamt­ent­wurf der Kolonie und der Garten­stadt von Martin Wagner. Das steht ja nicht mehr. Aber als es noch stand, bot es 120 Ledigen, also Menschen ohne Familie – das waren viel­leicht Zimmer­mäd­chen, Tage­löhner – eine Ganz­tags­pen­sion. Also, man konnte dort essen, schlafen und das zu billigen Preisen, so dass eben Menschen aus der Innen­stadt, die sich in schwie­rigen sozialen Bedin­gungen wieder­fanden, hier eine Unter­kunft bekamen.

Aber es war ja noch viel mehr als jetzt einfach nur ein Heim, sondern auch eine Art Gemein­schafts­ein­rich­tung für diesen Lindenhof. Im Bruno Tauts Denken war das sehr stark verbunden mit der Idee des Volks­hauses. Und da habe ich ein schönes Zitat, was er mit dem Volks­haus meint. Und zwar, sagt er (auch im idea­lis­ti­schen Ton der 20er drei­ßiger): „Die Volks­häuser haben den vollen harmo­ni­schen Klang der Menschen­ge­mein­schaft. Die sozial gerich­teten Hoff­nungen des Volkes finden hier auf der Höhe ihrer Erfül­lung.“

Barbara Neumann-Cosel: Ja, das war sozu­sagen eine der Grund­ideen dabei, dass man eben nicht nur einzelne Wohnungen schaffen wollte, man wollte ein Stadt­quar­tier bauen, eine eigen­stän­dige Stadt. Und dazu gehörten Gemein­schafts­ein­rich­tungen. Es gab hier einen großen Fest­saal, der als Kino­saal benutzt wurde. Es gab auch Läden hier, es gab ja eine eigen­stän­dige Schule hier, aber man brauchte eben auch diese Gemein­schafts­räume, um sich hier zu treffen. Und die waren gezielt gebaut worden. Man wollte für die Gemein­schaft bauen. Deswegen hatte man ja auch diese genos­sen­schaft­liche Form gewählt, um diese Gemein­schaft ganz gezielt zu unter­stützen. Also die Archi­tektur, dieses Burg­ar­tige, die hat ja auch so ein biss­chen mittel­al­ter­li­chen Charakter hier, auch wenn man sich den alten Grund­riss ansieht. Es war ja eine ganz geschlos­sene Gemein­schaft.

Man muss auch wissen: Draußen rundum waren ja im Wesent­li­chen nur Felder und Wiesen. Die Stra­ßen­bahn, die wurde ja dann 1923 gebaut, das war eine einglei­sige Stra­ßen­bahn­linie, die endete hier oben am Ledi­gen­heim. Die wurde übri­gens Wüsten­bahn genannt. Also die hat sozu­sagen dieses Bild auch aufge­griffen, dass man sozu­sagen ans Ende der Welt fuhr, um hier den Lindenhof zu sehen.

Sebas­tian Mehling: Oder Jot-Wee-Dee.

Barbara Neumann-Cosel: Ja, es war absolut Jot-Wee-Dee. Die Stra­ßen­bahn war trotzdem perma­nent über­lastet und über­füllt, weil es die einzige Verbin­dung in die Stadt war, so das auch ganz häufig Leute nicht mitge­nommen werden konnten. Und es hat lange gedauert bis in die späten 20er-Jahre der S‑Bahnhof Pries­terweg endlich, endlich eröffnet wurde und damit die bessere Verbin­dung in die Stadt geschaffen wurde.

Erzähler: Auch weil der Lindenhof anfangs so schlecht an Berlin ange­bunden war, war Eigen­stän­dig­keit und Selbst­ver­sor­gung ein großes Thema in der Planung. Auch deswegen war es wichtig, dass Martin Wagner mit dem jungen Land­schafts­ar­chi­tekten Lebe­recht Migge zusam­men­ar­bei­tete, welcher schon seit seiner Disser­ta­tion davon träumte, an einer Garten­stadt mitzu­bauen.

Barbara Neumann-Cosel: Die Garten­stadt ist ein Konzept, das um die Jahr­hun­dert­wende aus England nach Deutsch­land kommt und in dieser ursprüng­li­chen Form, dass man eine eigen­stän­dige Stadt baut, die die Vorteile des Stadt­le­bens, also viel Kultur, Arbeits­plätze, nahe Verkehrs­wege verbindet mit dem Wohnen auf dem Lande – gute Luft, viel Grün, viel Natur, eigene Gärten an den Häusern – also diese beiden Vorteile sollen in dem Konzept der Garten­stadt verbunden werden.

Und was ganz wesent­lich ist dafür: Man hatte das von Anfang an, auch in England, schon verbunden mit dem genos­sen­schaft­li­chen Wohn­kon­zept. Also es sollte ein genos­sen­schaft­li­ches gemein­schaft­li­ches Eigentum dabei entstehen.

Und dieses Garten­stadt­kon­zept, das hat, haben Wagner und dann auch Taut und Lebe­recht Migge aufge­griffen. Das war ihr städ­te­bau­li­ches Konzept und das wollten sie hier im Lindenhof zum ersten Mal in größerem Umfang umsetzen. Und das Konzept von Lebe­recht Migge, diese Selbst­ver­sor­gung in dem eigenen Garten, das muss man ein biss­chen aus der Zeit sehen. Wir waren ja unmit­telbar nach Ende des Ersten Welt­krieges und im Ersten Welt­krieg gab es massive Versor­gungs­pro­bleme der Bevöl­ke­rung. Es gab ja den berühmten berüch­tigten Hunger­winter 1917, den Steck­rü­ben­winter, wo die Versor­gung der Bevöl­ke­rung einfach nicht mehr gesi­chert war. Und vor diesem Hinter­grund war natür­lich die Vorstel­lung, man könne sich aus eigenem Garten mit Obst und Gemüse selber versorgen, hoch attraktiv.

Und darauf hatte Lebe­recht Migge ja seinen Garten und Grün­kon­zept ausge­baut. Es gab dann auch hier in der Sied­lung richtig Schu­lungen für die neuen Bewohner. Die, die ja aus der Stadt kamen und die das nicht kannten, sich selber Gemüse anzu­bauen. Es gab gemein­samen Saat­mit­tel­ein­kauf, man wurde ausge­bildet, man unter­rich­tete sich auch selber und es wurden sehr viel Nutz­tiere gehalten. Dazu gibt es ein sehr nettes Zitat. Ach ja, hier, da aus der eine eigenen Sied­ler­zei­tung, wo die offi­zi­ellen Infor­ma­tionen vermit­telt wurden. Und da fand sich dann zur Tier­hal­tung folgendes: „In einem Stall sind zwei Ziegen, zwölf Enten, 30 Hühner und zwölf Kanin­chen gezählt worden. Für solche Massen­zucht sind unsere kleinen Ställe doch nicht einge­richtet worden und es wäre drin­gend zu wünschen, dass hier mal der Vorstand eingreife.“ Also solche Zitate findet es dann auch. Also es muss gega­ckert und gekräht haben, hier in der Sied­lung.

Erzähler: Wagner, Taut und Migge ließen den beschau­li­chen Lindenhof aber schon bald nach Fertig­stel­lung hinter sich. Für sie ging es weiter und jetzt erst richtig los mit ihren sozi­al­re­for­me­ri­schen Bauvi­sionen in Berlin – bis 1933 ihr Elan jäh gebremst wurde.

Sebas­tian Mehling: Martin Wagner ist nicht Baustadtrat von Schö­ne­berg geblieben, sondern dann der Baustadtrat von Groß­berlin geworden und hat ja auch Berlin in den 20er-Jahren maßgeb­lich geprägt. Man kennt das Karstadt am Hermann­platz. Er hat aber auch andere, größere Bauten geplant. Ich glaube, das Messe­ge­lände hatte er geplant.

Barbara Neumann-Cosel: Ganz berühmt ist ja Wannsee, also die Frei­bäder, die er geschaffen hat für die Stadt. Also das ist das eine. Aber er ist ja auch bei dem Thema Wohnungs­bau­pro­duk­tion geblieben. Er hat dann und dafür ist der Lindenhof eigent­lich die Blau­pause gewesen, das Modell gewesen für sein Wohnungs­bau­kon­zept der 20er- Jahre. Er hat ja hier in diesem Fall die Kommune bauen lassen und dann anschlie­ßend die fertige Sied­lung der Genos­sen­schaft über­geben. Und dieses Modell, das quasi profes­sio­nell in großem Stil gebaut wird und dann aber von einer Genos­sen­schaft verwaltet wird, das hat er mit seinem DEWOK-Modell reichs­weit und in Berlin mit der EHAG baute profes­sio­nell – in Berlin übri­gens mit Bruno Taut als Chef­ar­chi­tekt, also das Team ist erhalten geblieben. Hier an dem Lindenhof haben sie quasi gelernt. Und Bruno Taut wurde dann Chef­ar­chi­tekt der GEHAG und hat hier in Berlin über 10.000 Wohnungen archi­tek­to­nisch betreut.

Sebas­tian Mehling: Ganz berühmt: die Hufeisen Hufeisen.

Barbara Neumann-Cosel: Die Hufei­sen­sied­lung. Genau.

Sebas­tian Mehling: Übri­gens auch wieder mit Lebe­recht Migge. Also auch das Team hat sich hier erhalten. Sie haben ja hier, glaube ich, ihr erstes Projekt zusammen gemacht und dann immer wieder auch zusam­men­ge­ar­beitet.

Barbara Neumann-Cosel: Ja, das muss man sich vorstellen. Das waren einfach junge Planer, die durch nichts mehr aufzu­halten waren. Die waren alle unge­fähr in einem Alter, die waren alle Anfang, Mitte 30 und waren beseelt von der Idee, eine bessere Stadt zu bauen – im Sinne der Bewohner und im Sinne der Menschen hier.

Sebas­tian Mehling: Sie waren aufhaltbar, nämlich nach 1933. Da war für Martin Wagner und Bruno Taut hier eigent­lich das Spiel vorbei. Sie mussten dann emigrieren.

Barbara Neumann-Cosel: Ja, das war sozu­sagen ein Haupt­ziel der Nazis: Die Ausschal­tung dieser sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Konzepte. Und die Lindenhof Genos­sen­schaft, die ursprüng­liche Bewoh­ner­ge­nos­sen­schaft des Linden­hofs, ist ja sehr stark von den Natio­nal­so­zia­listen verfolgt gewesen, weil sie auch diese sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Ausrich­tung als Genos­sen­schaft hatte.

Der erste Ansatz war ja relativ schnell nach der Macht­er­grei­fung, das mit brutaler Gewalt die Vorstände und Aufsichts­räte zum Teil verhaftet wurden und hier in der General-Pape-Straße inhaf­tiert waren. Und gleich­zeitig wurden Neuwahlen ange­setzt – Wahlen muss man jetzt in Anfüh­rungs­stri­chen sagen – wo also Partei­ver­treter in die Gremien geschickt wurden. Das nannte sich dann Gleich­schal­tung. Man behielt zwar die Gremien bei, aber sie waren jetzt mit Partei­mit­glie­dern besetzt. Und trotz dieser brutalen Akte waren die Linden­hofer nicht bereit, das so zu akzep­tieren und haben sich gewehrt. Mit Händen und Füßen dagegen.

Und der letzte Akt eigent­lich der Natio­nal­so­zia­listen war, die Genos­sen­schaft Lindenhof zwangs­zu­ver­ei­nigen mit einer damals staats­treuen Genos­sen­schaft, der Landbau. Und so ist die heutige GeWoSüd, die Trägerin der Linden­hof­sied­lung, entstanden. Diese Geschichte der Genos­sen­schaft hat sich natür­lich dann sozu­sagen in der Nach­kriegs­zeit weiter­ent­wi­ckelt. Sie ist über diese Zwangs­fu­sionen dann hinweg­ge­gangen und es hat sich heute eine leben­dige Genos­sen­schaft daraus entwi­ckelt, die demo­kra­tisch dann wieder funk­tio­niert hat.

Erzähler: Demo­kra­ti­sie­rung der Genos­sen­schaft und vor allem auch Wieder­aufbau des Linden­hofs waren dring­li­ches Programm in einer zerbombten Stadt, in der wie schon nach dem Ersten Welt­krieg große Wohnungsnot herrschte.

Barbara Neumann-Cosel: Nach dem Zweiten Welt­krieg ging es jetzt vorrangig darum, Wohnungen zu bauen, hell zu bauen, belüftet zu bauen und das in großem Umfang.

Sebas­tian Mehling: Das sieht man ja hier auch ganz gut an dem Beispiel des Punkt­hauses, des soge­nannten, das in der Nach­kriegs­zeit 1954 gebaut wurde, von den Haus­ar­chi­tekten der GewoSüd, Gustav Müller und Franz Hein­rich Sobotka. Das Punkt­haus und auch die anderen Bauten dahinter, die zu dieser Zeit entstanden sind, waren ja auch Teil des Marshall­plans.

Barbara Neumann-Cosel: Ja, erst dann war es über­haupt möglich, hier zu bauen. Also der Lindenhof war ja zu 60 % zerstört gewesen. Das lag daran, dass er zu nah an Eisen­bahn­ver­bin­dungen dran war und deswegen ist er zwischen 1943 und 1945 in so großem Umfang zerbombt worden.

Man hat am Anfang natür­lich in den ersten Jahren nach dem Krieg erstmal nur versucht, die Dächer zu repa­rieren und die Häuser eini­ger­maßen wieder bewohnbar zu machen und dann aber mit den Möglich­keiten des Marshall­plans gesehen, einer­seits mehr Wohnungen zu schaffen. Das war auch schon eine Idee. Man war dann weg von dem kleinen Einfa­mi­li­en­häus­chen, sondern es sind ja Zeilen gebaut worden, Geschoss-wohnungsbau. Damit konnte man natür­lich einfach mehr Wohnungen schaffen. Das war in der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg auch wieder ein drama­ti­sches Problem. Und man war natür­lich auch weg von dem Selbst­ver­sor­ger­mo­dell, sondern das Grün war jetzt tatsäch­lich auch, kann man bös sagen, Abstands­grün geworden, also es waren eher Park­flä­chen geworden.

Von daher steht der Lindenhof eben heute modell­haft für die Anfänge in den frühen 20er-Jahren nach dem Ersten Welt­krieg, aber eben auch wieder für den zweiten Aufbruch nach dem Zweiten Welt­krieg. Das ist einfach ein Archi­tek­tur­denkmal, muss man sagen, das heute für viele, viele Neuan­fänge steht.

Sebas­tian Mehling: Gibt es etwas aus dem Lindenhof, bei dem du sagst, da können wir auch noch was für unsere heutige Zeit lernen, was mitnehmen, viel­leicht was wieder­ent­de­cken und weiter­ent­wi­ckeln?

Barbara Neumann-Cosel: Also was man auf alle Fälle mitnehmen muss, ist die Nach­hal­tig­keit der genos­sen­schaft­li­chen Idee. Das gilt erst einmal baulich, denn wir stehen ja vor einem Projekt, was jetzt hier vor 100 Jahren gebaut wurde und die Teile, die nicht kriegs­zer­stört sind, sind ja heute noch da und annehmbar. Aber es gilt auch wirt­schaft­lich, weil es ist heute noch erschwing­liche Häuser sind. Sie sind bezahlbar, immer noch. Wenn es eine Eigen­heim­sied­lung wäre, würden jetzt hier heute Höchst­preise verlangt werden und es wäre nur noch für Gutver­die­nende möglich, hier zu wohnen. Die genos­sen­schaft­liche Form ermög­licht es, dass auch heute, nach 100 Jahren, hier ein Wohnen auch für Gering­ver­diener möglich ist. Und was nach wie vor ein großes Plus der Genos­sen­schaft ist, ist dieses Leben in der Gemein­schaft. Und gerade die GeWoSüd ist ja eine Genos­sen­schaft, die dieses gemein­schaft­liche Leben und Mitein­ander ihrer Mitglieder sehr fördert, nicht nur im Lindenhof, sondern auch in ihren anderen Sied­lungen.

Sebas­tian Mehling: Barbara, vielen Dank für das Gespräch.

Barbara Neumann-Cosel: Gerne.

Erzähler: Das war unsere erste, etwas längere und einlei­tende Folge im Rund­gang der GeWoSüd zur Geschichte und den Geschichten des Linden­hofs. Ihr findet weitere Unter­hal­tungen von mir mit Linden­ho­fern auf den anderen Stelen und weiteres Wissens­wertes über die Genos­sen­schaften in Berlin, ihrer Geschichte und aktu­ellen Entwick­lung erfahrt ihr bei uns im Werk­raum des Genos­sen­schafts­fo­rums. Jeden Donnerstag, 15 bis 18 Uhr, haben wir unsere Ausstel­lung geöffnet und jeden zweiten Samstag im Monat führen wir durch den Lindenhof.

Aber jetzt erst einmal: Vielen Dank fürs Zuhören und bis bald, euer Sebas­tian Mehling.

Die Geschichte des Ledi­gen­heims – Über­blick

Das Ledi­gen­heim, das von Bruno Taut entworfen wurde und 1919 zusammen mit den ersten Häusern des Linden­hofs erbaut worden war, bot 120 kosten­güns­tige, aber sehr kleine Ein-Zimmer-Wohnungen und fungierte als Eingangstor in die Sied­lung Lindenhof. Bruno Taut war ein mit Martin Wagner befreun­deter Archi­tekt, der 1880 in Königs­berg geboren wurde und 1938 in Istanbul an den Folgen einer Lungen­er­kran­kung starb. Durch das Gebäude, das der Stadt Berlin zuge­wandt war, gelangte man von der Nord­ost­seite des Linden­hofs in die Sutt­ner­straße als zentrale Achse der Sied­lung, die zum Weiher führte.

Der burg­ähn­liche Charakter des Gebäudes spie­gelte die Abschot­tung des zur dama­ligen Zeit abge­le­genen Linden­hofs als Kolonie wider und schuf eine sicht­bare Wirkung von außen und innen. Im Erdge­schoss befanden sich neben Läden auch ein Restau­rant, ein Club­raum und ein großer Fest­saal, der den Bewoh­ne­rinnen und Bewoh­nern des Heims wie auch der ganzen Lindenhof-Sied­lung offen­stand. Im Ledi­gen­heim hatte bis 1929 auch die Geschäfts­stelle der Genos­sen­schaft Lindenhof e.G. ihren Sitz.

Expres­sio­nis­ti­scher Stil

Der Club­raum und der Fest­saal des Ledi­gen­heims waren im expres­sio­nis­ti­schen Stil gestaltet. Taut hatte die mit ihm befreun­deten Künstler Paul Goesch und Franz Mutzen­be­cher dafür enga­giert. Darge­stellt wurden Szenen der genos­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft. Der avant­gar­dis­ti­sche, progres­sive Stil war jedoch von Anfang an umstritten. Nach der Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­listen 1933 wurden noch im selben Jahr die Räume durch den neuen Pächter umge­staltet.

Ruine des Mittel­baus

Im Zweiten Welt­krieg wurden große Teile des Ledi­gen­heims bei einem Luft­an­griff 1943 zerstört. Die verblie­bene Ruine des Mittel­baus wurde nach Kriegs­ende im Vorfeld des Wieder­auf­baus besei­tigt.

Errich­tung des Punkt­hauses

Anstelle des zerstörten Ledi­gen­heims wurde ab 1953 im Rahmen des Wieder­auf­baus der Sied­lung Lindenhof ein sieben­ge­schos­siges Wohn- und Gewer­be­ge­bäude in der Eythstr. 45 errichtet. Das von den Archi­tekten Franz-Hein­rich Sobotka und Gustav Müller entwor­fene „Punkt­haus“, wie der Bau wegen seiner charak­te­ris­ti­schen runden Fenster auch genannt wird, entspricht den plane­ri­schen Idealen der Nach­kriegs­mo­derne und schottet den Lindenhof nicht mehr von der Außen­welt ab, sondern gibt den Blick und den Weg in die Sutt­ner­straße frei. Dennoch greift das Gebäude die Funk­tion des ehema­ligen Ledi­gen­heims wieder auf, indem – eben­falls in den 1950er-Jahren – dort ein Restau­rant mit Saal entstand, um den Bewoh­ne­rinnen und Bewoh­nern des Linden­hofs einen Raum für Veran­stal­tungen zur Verfü­gung zu stellen. Außerdem wurde die Eythstr. 45 zum Sitz der Genos­sen­schaft. 2005 erfolgte die Sanie­rung des gesamten Komplexes und die Errich­tung eines gläsernen Anbaus.

Neubau mit 68 Wohnungen

Die Ecke Eythstr./Domnauer Straße, wo sich der ehema­lige Haupt­teil des Ledi­gen­heims befand, wurde im Rahmen des Wieder­auf­baus der Sied­lung Lindenhof nicht bebaut. Erst 1977 entstand in dieser Baulücke ein sechs- bis sieben­ge­schos­siger Neubau mit 68 Wohnungen. Der freie Zugang zur Sutt­ner­straße und zum Lindenhof blieb durch eine Über­bauung erhalten.

Entde­cken Sie die weiteren Stelen!

Kreisausschnitt Stele 2

Stele 2

Sutt­ner­straße

Kreisausschnitt Stele 3

Stele 3

Reglin­straße

Kreisausschnitt Stele 4

Stele 4

Mietergärten/Schule

Kreisausschnitt Stele 5

Stele 5

Weiher/Park

Kreisausschnitt Stele 6

Stele 6

Lindenhof-Erwei­te­rung

Sie wollen mehr über Wohnungs­ge­nos­sen­schaften erfahren?

Eine inter­ak­tive Dauer­aus­stel­lung des Genos­sen­schafts­fo­rums e.V. zeigt, was Genos­sen­schaften so beson­ders macht.

Wo? coope­rativ Werk­raum, Eythstr. 32.

Mehr Infor­ma­tionen »

Logo Cooperativ