Stele 6:
Lindenhof-Erwei­te­rung

Porträtfoto Dr. Barbara König

AUDIOGESCHICHTEN

Hein­rich Lassens Erwei­te­rungsbau in den 1920er-Jahren

mit Dr. Barbara König

Erzähler: Liebe Zuhörer und Zuhö­re­rinnen, will­kommen bei Geschichte und Geschichten aus dem Lindenhof, einem Projekt der GeWoSüd und des Genos­sen­schafts­fo­rums, in dem es darum geht, die Menschen aus dem Lindenhof zu Wort kommen zu lassen und zu hören, was für sie den Lindenhof ausmacht. Ich bin Sebas­tian Mehling vom Genos­sen­schafts­forum, hier gleich im Erwei­te­rungsbau des Linden­hofs um die Ecke in der Eyth­straße 32.

Und hier, an der sechsten und letzten Stele des Rund­gangs, soll es auch um genau diese Erwei­te­rung des Linden­hofs nörd­lich der Eyth- und entlang der Bessemer Straße durch Hein­rich Lassen und Adolf Jürgensen gehen. 1929 wurde sie fertig­ge­stellt zur Hoch­zeit der Weimarer Repu­blik, genau zwischen der Hyper­in­fla­tion von 1923 und der Welt­wirt­schafts­krise, die ab 1929 das Bauen in Berlin wieder zum Erliegen brachte.

Und ich habe dazu mit niemand anderem als Dr. Barbara König, Archi­tektin, promo­vierte Sozio­login und Geschäfts­füh­rerin des Genos­sen­schafts­fo­rums gespro­chen und sie gefragt, was diese Erwei­te­rung des Linden­hofs baulich so beson­ders und aus Sicht der genos­sen­schaft­li­chen Entwick­lung des Wohnens während der Weimarer Repu­blik so bemer­kens­wert macht. Und was wir heute daraus für das genos­sen­schaft­liche Bauen in einem kompli­zierten Berliner Wohnungs­markt lernen können.

Erzähler: Zunächst einmal wollte ich aber mehr zu Hein­rich Lassen wissen. Den Baustadtrat Schö­ne­berg in den 20er-Jahren und seinen so gar nicht mehr garten­stadt­mä­ßigen Erwei­te­rungsbau des Linden­hofs.

Dr. Barbara König: Hein­rich Lassen ist Martin Wagner nach­ge­folgt, ab 1921 als Stadt­baurat in Schö­ne­berg. Er war aller­dings 20 Jahre älter als Martin Wagner und war auch aufgrund seines Alters und seiner schon langen Berufs­tä­tig­keit auch in der Kaiser­zeit noch viel mehr. Ursprüng­lich eigent­lich dem Archi­tek­tur­stil der Kaiser­zeit verhaftet, also hat noch wesent­lich länger als Martin Wagner eigent­lich in so einer Art roman­ti­schen Baustil entworfen und gebaut, zum Beispiel, eines seiner bekann­teren Projekte sind die Ceci­li­en­gärten ganz in der Nähe des Linden­hofes, west­lich vom Südge­lände in Schö­ne­berg, 1922 bis 1927 erbaut und mit wirk­lich noch viel Elementen des Jugend­stils, die dort einge­baut sind.

Ab Mitte der 20er-Jahre domi­niert, dann aber in der Archi­tektur in Deutsch­land, vor allem auch in Berlin, der Stil des Neuen Bauens. Die wich­tigen Träger sind da die Brüder Taut, Max und Bruno Taut und Hein­rich Lassen hat dann ange­fangen, in dieser Art Stil zu bauen. Ein berühmtes Beispiel ist das von ihm 1928 errich­tete Stadtbad Schö­ne­berg, das dann wirk­lich ganz klar in klaren Linien und flachen Fassaden sehr schnör­kellos errichtet wurde. Aber eben dann auch die Erwei­te­rungs­bauten des Linden­hofs, die ganz offen­sicht­lich dem neuen Bauen verhaftet sind, mit sehr klaren Formen, flachen Dächern, hori­zon­taler Glie­de­rung. Das war eine starke Abkehr von dem eigent­li­chen Lindenhof.

Trotzdem kann man sagen, das ist eine sehr passende und inter­es­sante Ergän­zung war. Die Gebäude sind so ausge­richtet, dass sie quasi ein Rück­grat haben, entlang der im Norden angren­zenden Gewer­be­ge­biete also so eine Art Wall gebildet haben und offene Höfe, Wohn­höfe, die sich offen zur Straße, aber eben auch zum eigent­li­chen Lindenhof gebildet haben, geformt haben, mit Gebäu­de­fin­gern, etwas nied­ri­geren drei-geschos­sigen, die sich dann eben zum Lindenhof hin gerichtet haben und so eine wohn­liche und auch gemein­schaft­liche Situa­tion hin zur Sied­lung des Linden­hofs geschaffen haben.

Im Rahmen der wirk­lich immer größer werdenden Stadt und auch des wach­senden Indus­trie­ge­bietes, da im Norden des Linden­hofes, war der Wohn­raum drin­gend notwendig und auch die Genos­sen­schaft hatte die Möglich­keit, sich da zu erwei­tern und hat die Gele­gen­heit genutzt. Und was auch wichtig ist, dass mit diesen Bauten auch Ergän­zungen gemacht wurden, die sicher­lich bis dahin im Lindenhof fehlten. So wurden also gerade im letzten Teil, wo auch heute der Werk­raum des Genos­sen­schafts­fo­rums liegt, wurden Gewerbe unter­ge­bracht. Die Geschäfts­stelle des GeWoSüd oder der dama­ligen Genos­sen­schaft ist da einge­zogen. Aber es gab auch klei­nere Läden, sodass da also die Infra­struk­tur­ver­sor­gung der ganzen Sied­lung mit unter­ge­bracht wurde.

Erzähler: Der Erwei­te­rungsbau des Linden­hofs war aber nicht nur baulich ganz anders als die ursprüng­liche Garten­stadt von Martin Wagner. Für sie konnte Hein­rich Lassen auf eine neuar­tige Förde­rung für gemein­nüt­ziges Bauen in der Weimarer Repu­blik zurück­greifen, welche einen wahr­haften Bauboom unter Genos­sen­schaften in Berlin auslöste.

Dr. Barbara König: Tatsäch­lich konnte ja, anders als bei der eigent­li­chen Linden­hof­be­bauung, also von 1919 bis 21 für die Erwei­te­rung in der Eyth­straße und der Bessemer Straße ja auch öffent­liche Förde­rung genutzt werden. Das war damals die Phase der Haus­zins­steuer. Die wurde 1924 einge­führt, staat­li­cher­seits eine Steuer auf die Mieten der Altbau­be­stände. Man nahm an, dass die privaten Eigen­tümer der Häuser sich durch die hohe, hohe Infla­tion Anfang der 20er-Jahre entschuldet hatten und dadurch jetzt sehr hohe Gewinne nun einnehmen konnten. Und inso­fern legte man also auf die Erträge aus den Altbauten eine Extra­steuer, die wiederum zum Wohnungsbau beitragen sollte. Und diese Förde­rung, die man damit bezahlte, konnten soge­nannte gemein­nüt­zige Wohnungs­un­ter­nehmen nutzen. Das waren eben über­wie­gend die städ­ti­schen Gesell­schaften, die eigent­lich gerade erst frisch geschaffen waren, aber auch eben Genos­sen­schaften und ein paar kirch­liche Gesell­schaften.

Und in der Zeit ist ja gerade in Berlin, aber auch in ganz Deutsch­land ein immenser Wohnungsbau entstanden zwischen 1924 und 29, also genau die Zeit, in die dann auch dieser Erwei­te­rungsbau fiel. Sieht ein ekla­tant riesigen Sied­lungsbau. Wir haben in Berlin viele Sied­lungen, die gerade so insbe­son­dere etwas außer­halb des S‑Bahn-Rings entstanden sind, den Gegenden, wo zu dem Zeit­punkt noch Flächen da waren. Die Siemens­stadt ist berühmt, die Weiße Stadt im Wedding, aber auch die Sied­lung am Schil­ler­park, die Carl Legien Sied­lung und natür­lich die Hufei­sen­sied­lung in Britz, sind die berühm­testen Sied­lungen dieser Zeit, die ja auch heute zum Welt­kul­tur­erbe gehören.

Irrsin­nige Wohnungs­bau­zahlen sind damals in der Zeit geschaffen worden durch die Möglich­keit, hier durch das hohe Steu­er­auf­kommen weniger Kredite aufnehmen zu müssen, Förde­rungen in Anspruch nehmen zu können und aber auch die ja letzt­lich stärker indus­tria­li­sierten Baupro­zesse, die das Bauen in der Zeit güns­tiger gemacht haben. Was aller­dings dann kam, war die Welt­wirt­schafts­krise ab 1929. Auch der Erwei­te­rungsbau im Lindenhof war davon betroffen. Ab dem Zeit­punkt, trotz weiterhin noch bestehender Haus­zins­steuer, wurde im Prinzip gar nicht mehr gebaut. Die Wirt­schaft ist zusam­men­ge­bro­chen, es gab keine Möglich­keit und auch der letzte Teil der Erwei­te­rung, der nörd­liche Riegel in der Bessemer Straße konnte nur noch fertig­ge­stellt werden, mit Abstri­chen während der erste Teil damals hohen tech­ni­schen Stan­dard mit Zentral­hei­zung etc. hatte, konnte im nörd­li­chen Teil dann nur noch Ofen­hei­zung einge­baut werden, weil einfach die Mittel nicht mehr da waren und man gucken musste, dass man die Gebäude über­haupt noch fertig­bekam. Und inso­fern stellen diese Erwei­te­rungs­bauten auch defi­nitiv eine ganz klare Zeiten­wende auch für die Genos­sen­schaft und alle in der Zeit Bauenden da, weil ab da hat sich ja dann erst mal ein paar Jahr­zehnte im Sinne des Weiter­bauens nichts mehr getan, sondern dann bis zum Zweiten Welt­krieg, wurde im Prinzip nicht mehr gebaut und dann ja tatsäch­lich eher die Stadt ganz wesent­lich zerstört.

Erzähler: Zeiten­wenden sind in der bewegten Geschichte des Linden­hofs ja so einige zu finden und auch heute gibt es scheinbar keinen Mangel an Zeiten­wenden und Krisen. Und auch heute haben wir es mit einem schwie­rigen Wohnungs­markt in Berlin zu tun. Deshalb fragte ich Barbara König, ob es etwas gibt, was wir viel­leicht gerade heute wieder lernen können von Hein­rich Lassen und seinen Weimarer Baugenoss:innen.

Dr. Barbara König: Also, wenn man da die Zahlen vergleicht, was in der Zeit gebaut wurde, das geht in die Hundert­tau­sende pro Jahr. Heute reden wir in Berlin von 20.000 Wohnungen, die im Jahr gebaut werden sollen. Aber bisher sind es immer nur Wünsche. All diese Ziele können immer nicht erreicht werden. Und es ist auch gerade jetzt kaum zu erkennen, dass es geschafft wird, ange­sichts stei­gender Baupreise und einem über- nach­ge­fragten Markt, der es schwierig macht, über­haupt Bauland zu bekommen, aber auch Geneh­mi­gungs­ver­fahren, die extrem lang­wierig sind, sehr, sehr hohe Auflagen in jede Rich­tung, natür­lich in puncto Klima­schutz, aber auch Brand­schutz etc., die das Bauen immer weiter erschweren. Jede Auflage für sich sicher­lich sinn­voll und wichtig, aber eben alles zusammen macht das Bauen immer schwie­riger. Und im Ergebnis schaffen wir heute bei weitem nicht das, was in dieser Zeit der 20er-Jahre erreicht wurde. Sicher­lich ist die Wohnungsnot auch nicht ganz so groß. Man muss ja bedenken, in den 20ern war Berlin schon mal 4 Millionen Einwohner stark. Da sind wir jetzt noch immer nicht und das, mit wenig wesent­lich mehr Gebäuden als zu der Zeit.

Ja, aber man wünscht sich manchmal doch diese sehr hemds­är­me­lige und wirk­lich ziel­ori­en­tierte Politik zu der Zeit der Weimarer Repu­blik zurück, die all dieses Bauen in kürzester Zeit möglich gemacht hat. Und das ist viel­leicht auch einer der größten Unter­schiede von dem heutigen Bauen zum dama­ligen. Also damals, die haben einfach Dinge gewagt und da wurde auch nicht jede Empfind­lich­keit immer abge­wogen, sondern man wollte einfach auch was Neues. Das hat sicher­lich viel auch mit der Zeit, zu tun, es war ja was Neues. Alles war neu, es war eine Repu­blik. Das alte System ist abge­schafft worden. Es gab jetzt für alle Mitbe­stim­mungs­mög­lich­keiten. All das sollte irgendwie darge­stellt werden. Es ging wirk­lich um Gewagtes. Also auch ganz klar sich abgrenzen von dem Alten. Heute haben wir so viel Belang­loses bauen und da wünscht man sich wirk­lich die Zeit – also ich zumin­dest – zurück, in der dann doch ein biss­chen mehr Mut vorherrschte, Mut, auch ruhig mal eben anzu­ecken und Diskurse oder Diskus­sionen anzu­regen, aber es trotzdem zu tun.

Erzähler: Mal anecken, was wagen und dabei die Diskus­sion nicht scheuen – kein Wunder, dass Barbara König dann auch einen nur auf dem ersten Blick über­ra­schenden Lieb­lingsbau im Lindenhof hat, einen ziem­lich Eckigen und recht Gewagten, der sich so gar nicht in die Garten­stadt­idylle Martin Wagners rund um den See einzu­fügen scheint und doch viel­leicht gerade deshalb so gut zum Lindenhof passt, mit all seinen Zeiten­wenden, Brüchen und dem immer wieder Aufbre­chen und Neuan­fangen, das ihn so einzig­artig macht.

Dr. Barbara König: Also am See finde ich es wirk­lich wunder­schön. Das ist einfach auch die Stelle zwischen den beiden ehema­ligen Umklei­de­ka­binen. Das ist einfach ein wunder­schöner Ort und ich mag auch sehr den Blick, die Achse entlang, genau von dieser Stelle Rich­tung Schule, in der man, wie ich finde, heute noch am besten – weil dann natür­lich auch vor allem die alten Gebäude auch noch alle stehen – erkennen kann, was Martin Wagner und auch Bruno Taut damals errei­chen wollten mit der Entwick­lung der ganzen Sied­lung.

Aber was ich auch sehr gerne mag, ist das Hoch­haus. Ich mag die Ergän­zungen der 60er- und 70er-Jahre, die ja zum Teil auch sehr brutal darein­ge­setzt wurden, ohne die Rück­sicht, die man heute wahr­schein­lich nehmen würde auf die ursprüng­li­chen Gedanken und Formen und Kuba­turen usw. – aber ich finde das Hoch­haus steht da in einer präch­tigen Art und Weise, am Ende des Sees. Das gefällt mir auch immer sehr gut.

Sebas­tian Mehling: Ich will da irgend­wann mal oben aufs Dach.

Dr. Barbara König: Ja, ich auch. Da würde ich sehr gerne mal hin und einfach die Aussicht genießen. Das also finde ich bewun­derns­wertes, ein total schönes Gebäude.

Erzähler: Also, wenn ihr es noch nicht gesehen habt, geht mal um den See und schaut euch das Hoch­haus an! Es lohnt sich und es lohnt sich auch die anderen Gespräche auf den Stelen des Lindenhof Rund­gangs anzu­hören. Falls ihr es nicht eh schon getan habt.

Wenn ihr weiteres Wissens­wertes über die Genos­sen­schaften in Berlin, ihre Geschichte und aktu­ellen Entwick­lungen erfahren wollt, kommt auch bei uns vorbei. Im Werk­raum des Genos­sen­schafts­fo­rums. Jeden Donnerstag, 15 bis 18 Uhr, haben wir unsere Ausstel­lung geöffnet und jeden zweiten Samstag im Monat führen wir durch den Lindenhof.

Aber jetzt wie immer vielen Dank fürs Zuhören und bis bald, euer Sebas­tian Mehling.

Die Geschichte der Lindenhof-Erwei­te­rung – Über­blick

Ab 1929 wurde der Lindenhof auf dem nörd­lich angren­zenden Areal um zwei Gebäude-Ensem­bles erwei­tert. Zunächst entwarfen die Archi­tekten Lassen und Jürgensen eine kamm­ar­tige Flach­be­bauung entlang der Eyth­straße, deren Rück­grat vier­ge­schos­sige Häuser­zeilen bilden, die von nach Süden geöff­neten Vorhöfen unter­bro­chen werden, welche wiederum einge­rahmt werden von drei­ge­schos­sigen Haus­gruppen. Vom Baustil her völlig anders als der Lindenhof von Martin Wagner vollzog sich hier eine Abkehr von der Garten­stadt-Idee hin zu Konzepten des Neuen Bauens mit den Schlag­worten „Licht, Luft und Sonne“. Diese von der Bauhaus-Bewe­gung inspi­rierte Archi­tektur mit langen Häuser­zeilen ermög­lichte die schnelle und kosten­güns­tige Errich­tung einer großen Anzahl von Wohnungen mit prak­ti­schem Schnitt, diente jedoch auch der Abschir­mung des bestehenden Linden­hofs von der Lärm- und Geruchs­im­mis­sion, die von dem sich weiter nörd­lich anschlie­ßenden Indus­trie­ge­biet ausgingen, das dort in den 1920er-Jahren entstanden war.

Gelebte Demo­kratie
Das Erwei­te­rungs­pro­jekt war nicht unum­stritten inner­halb der Genos­sen­schaft. Viele Mitglieder hatten Zweifel, ob ein solch großes Bauvor­haben nicht eine finan­zi­elle Über­las­tung der Genos­sen­schaft mit sich bringen würde. Andere befürch­teten, dass sich die bis dahin nied­rigen Nutzungs­ge­bühren für die Wohnungen erhöhen würden. Die Bewoh­ne­rinnen und Bewohner des Linden­hofs hatten sich aufgrund der etwas abge­schie­denen Lage bis dahin zu einer starken, fast schon einge­schwo­renen Gemein­schaft zusam­men­ge­funden, die in verschie­denen Ausschüssen und Kommis­sionen das genos­sen­schaft­liche Leben im Lindenhof orga­ni­sierte und zudem über ein sehr reges Vereins­wesen verfügte – der Lindenhof war zu einem Ort der gelebten Demo­kratie geworden, wo sich jeder Bewohner in verschie­dener Weise und unter­schied­li­chen Graden einbringen konnte. Die Zweifler unter den Genos­sen­schafts­mit­glie­dern konnten sich jedoch nicht durch­setzen und die Erwei­te­rung war bald beschlos­sene Sache: Im April 1929 erfolgte der Baustart für 237 1,5- bis 2,5‑Zimmer-Wohnungen im nörd­li­chen Teil der Eyth­straße.

Einzug der Geschäfts­stelle
Die Geschäfts­stelle der Genos­sen­schaft Lindenhof zog bereits im Dezember 1929 in ihre neuen Räume in der Eyth­straße 32, ab Januar 1930 konnten dann die Wohnungen bezogen werden. Die neuen Mieter und Miete­rinnen traten bis Ende 1931 voll­ständig der Genos­sen­schaft bei und sie hatten Glück mit der Ausstat­tung ihrer Wohnungen, insbe­son­dere mit der Zentral­hei­zung, die den Neubau mit Wärme und Warm­wasser versorgte. Der zweite Erwei­te­rungsbau, der 1930/31 in der Besse­mer­straße entstand, konnte wegen einer städ­ti­schen Notver­ord­nung infolge der Welt­wirt­schafts­krise nur noch mit verein­fachten Stan­dards wie z.B. Ofen­hei­zung und vor allem klei­neren Wohnungen errichtet werden.

Folgen der Welt­wirt­schafts­krise
Die Welt­wirt­schafts­krise wirkte sich nicht nur auf die Bauaus­füh­rung der Lindenhof-Erwei­te­rung aus, sondern hinter­ließ ihre Spuren auch bei den Bewoh­ne­rinnen und Bewoh­nern. Im Oktober 1932 war bereits jeder fünfte Haus­halt im Lindenhof von Arbeits­lo­sig­keit betroffen, wobei die Neumit­glieder in den Erwei­te­rungs­bauten davon stärker betroffen waren. Zwar hatten so namhafte Betriebe wie Maggi, Schult­heiß, Opel oder auch die große Malz­fa­brik direkt im angren­zenden Indus­trie­ge­biet ihre Produk­ti­ons­stand­orte, doch aufgrund der Wirt­schafts­krise wurden Arbeiter nur noch entlassen statt neu einge­stellt.

Gleich­schal­tung und Ideo­lo­gi­sie­rung ab 1933
Die Genos­sen­schaft beschloss ange­sichts der prekären Lage ihrer Mitglieder, ab November 1932 in den Keller­räumen der Domnauer Straße 21 eine Suppen­küche einzu­richten, wo bis zu 800 Mahl­zeiten am Tag ausge­geben werden konnten, um die schlimmsten Folgen der Erwerbs­lo­sig­keit zu lindern. Wie viele andere wurde auch dieses Projekt in genos­sen­schaft­li­cher Eigen­regie orga­ni­siert und über­wie­gend von ehren­amt­li­chen Helfern und Helfe­rinnen auf die Beine gestellt. Aller­dings sollte die Suppen­küche das vorläufig letzte genos­sen­schaft­liche Projekt des Linden­hofs und nur von kurzer Dauer sein, denn nach der Macht­er­grei­fung durch die Natio­nal­so­zia­listen im Januar 1933 wurde die Notstands­küche in das NS-Winter­hilfs­werk einge­glie­dert und der Genos­sen­schafts­vor­stand mit regime­treuen Personen besetzt. Auch das im Erwei­te­rungsbau in der Besse­mer­straße ansäs­sige Gast­haus Fintel, hier eine Aufnahme aus dem Eröff­nungs­jahr 1930, wurde im Rahmen von Gleich­schal­tung und Ideo­lo­gi­sie­rung zu einem SA-Lokal umge­widmet.

Neue Nach­barn ab 1945
Die Gegend um Eyth- und Besse­mer­straße hatte im Zweiten Welt­krieg enorme Schäden durch Bomben­an­griffe erlitten, bedingt durch die Lage in unmit­tel­barer Nähe zu den Gleis­an­lagen am Pries­terweg und zum Flug­hafen Tempelhof. Die nach Kriegs­ende noch intakten Gebäu­de­teile entlang der Besse­mer­straße wurden im Juli 1945 von den sowje­ti­schen an die ameri­ka­ni­schen Truppen über­geben und bis Ende 1946 von diesen als Kaserne genutzt, bis das neue US-Haupt­quar­tier in den Lich­ter­felder McNair-Barracks bezogen werden konnte. Bei den Lindenhof-Bewoh­nern waren diese neuen Nach­barn größ­ten­teils unbe­liebt. Die beschä­digten Gebäu­de­teile in der Bessemer- und Eyth­straße wurden zunächst provi­so­risch instand­ge­setzt und notdürftig bewohnbar gemacht – teil­weise in Eigen­regie durch die Bewoh­ne­rinnen und Bewohner – bis der offi­zi­elle Wieder­aufbau des Linden­hofs in den 1950er-Jahren auch hier wieder für intakte Wohnungen sorgte.

Eigene Kirchen­ge­meinde
Das angren­zende Indus­trie­ge­biet wiederum erfüllte in der Nach­kriegs­zeit eine doppelte Funk­tion für die Linden­hof­be­wohner: Zum einen waren auf dem zerbombten Areal Nahrungs­mittel wie Tüten­suppen der zerstörten Maggi-Fabrik zu finden, zum anderen nahmen die Indus­trie­be­triebe nach und nach wieder die Produk­tion auf und boten vor allem für die Lindenhof-Bewoh­ne­rinnen Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keiten als Teil­zeit- und Aushilfs­kräfte. Auf dem Gelände des ehema­ligen Maggi-Werks entstand im Zuge des Wieder­auf­bau­pro­gramms 1955 schließ­lich die Micha­els­kirche, womit auch die Lindenhof-Bewohner endlich eine eigene Kirchen­ge­meinde hatten.

Sanie­rung unter Denk­mal­schutz
Im Gegen­satz zum alten Lindenhof, der infolge von Kriegs­schäden einige Verän­de­rungen am Erschei­nungs­bild verkraften musste, änderte sich in den Erwei­te­rungs­bauten in der Eyth- und der Besse­mer­straße nicht viel, wenn man von mehreren Sanie­rungs­wellen und unter­schied­li­chen Fassa­den­farben einmal absieht. Die aktu­elle, nun unter Denk­mal­schutz stehende und aus der Wieder­auf­bau­zeit stam­mende Farb­ge­bung der Fassaden in markantem Rot und Grün wurde 2018 nach einer Bege­hung mit der Denk­mal­schutz­be­hörde und einem Sach­ver­stän­digen veran­lasst.

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